Nach dem Schweizer Haftbefehl gegen drei nordrhein-westfälische Finanzbeamte – es geht um Wirtschaftsspionage und Verletzung des Bankgeheimnisses – ist Deutschland der Hysterie erlegen.
Ministerpräsidentin Hannelore Kraft schäumte in der „BILD am Sonntag“ über den „ungeheuerlichen Vorgang“. Der Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, schlug die Beamten für das Bundesverdienstkreuz vor, Schäuble mahnte zur Zurückhaltung, die „BILD“ reichte Strafanzeige gegen die Schweizer Justizministerin Simonetta Sommaruga ein.
Statt sich vor heimischem Publikum lautstark zu empören, lohnt sich ein nüchterner Blick über die Grenze. Als Schutz ihres Finanzplatzes, der von Betrügern profitiert, wähnen die Eidgenossen das Bankgeheimnis einen Grundpfeiler ihres Staates. Doch was sie da verteidigen, existiert in der Form längst nicht mehr. Der Schweizer Kampf um das Bankgeheimnis – eine Farce.
Der Ursprung des so umstrittenen Gesetzes ist laut dem Historiker Robert Vogler so banal wie pragmatisch. Als der Schweizer Staat im Dezember 1933 die taumelnde Schweizerische Volksbank retten musste, einigten sich die Parteien auf ein Bankengesetz zur besseren Aufsicht der Finanzindustrie. Die Sozialdemokraten stimmten zähneknirschend auch dem Bankkundengeheimnis zu, um nicht die ganze Vorlage zu gefährden.
Was danach folgte, war der Aufstieg des Schweizer Finanzplatzes aus der Provinz auf das internationale Parkett der Weltfinanzarchitektur. Unter dem Schutz des Bankgeheimnisses wuchs der Anteil dubioser Konten, aus aller Welt floss Geld in die Schweiz. Auch das Geld von Diktatoren, das sie ihrem Volk stahlen. Der kleine Staat wurde damit reich, die Moral schuf er sich mit dem sorgfältigen Pflanzen von Mythen, die das Bankgeheimnis nun umranken. Es sei aus „humanem Mitgefühl“ eingeführt worden, um Nazispitzeln den Zugriff auf jüdische Konten zu verwehren, verbreiteten Schweizer Bankiers kurz nach dem Krieg. Die Legende ist unwahr, diente einzig Imagezwecken.
Der größte Mythos aber ist jener, dass das Bankgeheimnis noch immer existiert. Was die Schweizer gegen Deutschland verteidigen, ist einzig noch ihr Selbstbild. Dass die Schweiz ein fehlerloser Staat ist: Reich, sauber und grün. Das Paradies im Erdenreich. Wer möchte hier nicht sein Geld, sein Fundament legen? Nein. Die Schweizer leiden an kognitiver Dissonanz, in Wahrheit sind sie Europas finanzielles Herz der Finsternis.
Weiter hier http://www.cicero.de/kapital/deutschland-schweiz-steuerstreit-bankgeheimnis/48958